Plötzlich ein Pflegefall

Im Jahr 2030 werden in Deutschland voraussichtlich rund 3,5 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Heute sind es etwa 2,9 Millionen, allein in Sachsen-Anhalt benötigen mehr als 99.000 Einwohner Pflege – das sind mehr als vier von einhundert Einwohnern.

Damit besitzt die erfreuliche Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, eine Schattenseite. Plötzlich pflegebedürftig werden können aber auch schon jüngere Menschen, zum Beispiel in Folge eines Unfalls. Jeder fünfte Betroffene in Deutschland ist jünger als 60 Jahre.

Wer pflegebedürftige Eltern, Geschwister oder andere nahestehende Verwandte hat, möchte für sie die bestmögliche Unterstützung. Dafür ist neben der gesetzlichen Pflegeversicherung auch eine eigene Eigenvorsorge über private Versicherungsträger unerlässlich. Denn die gesetzliche Pflegeversicherung kommt nur für etwa die Hälfte der anfallenden Kosten  auf. Die verbleibende „Pflegelücke“ bedeutet ohne zusätzliche Absicherung meist erhebliche finanzielle Eigenleistungen für die Betroffenen oder ihre Familienangehörigen.

Was müssen Betroffene oder Angehörige tun, wenn es zum Pflegefall kommt?

  1. Leistungen der Pflegepflichtversicherung müssen schriftlich oder mündlicher beim Träger Ihrer Pflegepflicht- bzw. Pflegezusatzversicherung beantragt werden. Von dort erhalten Sie die Antragsunterlagen, die Sie vollständig ausgefüllt zurückschicken. Erst dann kann der Versicherungsträger eine Begutachtung zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit beauftragen. Füllen Sie die Pflegeanträge möglichst schnell aus und schicken diese dem Versicherungsträger zurück – auch wenn der Pflegebedürftige noch im Krankenhaus oder auf Reha ist.

  2. Im Rahmen eines Hausbesuches ermittelt dann ein unabhängiger Gutachter des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) bzw. des medizinischen Dienstes der privaten Pflegepflichtversicherung den Pflegebedarf. Zur Vorbereitung erhalten Sie von Ihrem Versicherer einen Fragebogen, in dem Sie alle täglich notwendigen Verrichtungen der Pflegeperson dokumentieren können.

  3. Falls ein naher Angehöriger in einer akuten Pflegesituation ist, dürfen Beschäftigte eine Lohnersatzleistung für eine Freistellung von bis zu zehn Arbeitstagen in Anspruch nehmen. So können sie eine bedarfsgerechte Pflege organisieren oder die pflegerische Versorgung sicherstellen. Entsprechende Formulare erhält man beim Pflegeversicherungsträger. Er zahlt die Lohnersatzleistung aus und entrichtet dafür die Sozialversicherungsbeiträge. Denken Sie daran, Ihren Arbeitgeber so früh wie möglich darüber zu informieren.

  4. Private Pflegepersonen können unter bestimmten Voraussetzungen von ihrem Pflegeversicherungsträger Beiträge zur Rentenversicherung erhalten. In diesem Fall bekommen sie von dort automatisch nach Feststellung der Pflegestufe ein entsprechendes Formular.

  5. Oft ist es hilfreich, jemanden zu bestimmen, der sich um die Versicherungs- und Bankangelegenheiten kümmert. Gegebenenfalls ist über eine Vollmacht nachzudenken. Schicken Sie die Vollmacht-Unterlagen umgehend auch an Ihren Pflegeversicherungsträger.

  6. Überlegen Sie, ob noch bei anderen Stellen (Berufsgenossenschaft, Versorgungsamt, usw.) Leistungen beantragt werden können.

  7. Private Versicherungsträger erstatten die im Pflegehilfsmittelverzeichnis der privaten Pflegeversicherung aufgeführten Pflegehilfsmittel. Die Notwendigkeit muss, genau wie die Pflegestufe, ein unabhängiger Gutachter bestätigen. Ein Attest des Hausarztes reicht hier leider nicht aus.

  8. Für Beihilfeberechtigte gilt eine Leistungszusage des privaten Versicherungsträgers als Grundlage für die Beihilfefestsetzung. Verlangen Sie dort zusätzlich eine Kopie der Zusage, die Sie zusammen mit dem vollständigen Beihilfeantrag bei Ihrer Beihilfefestsetzungsstelle einreichen können.

  9. Das Beratungsunternehmen COMPASS Private Pflegeberatung wurde vom Verband der privaten Krankenversicherung e.V. als neutraler und unabhängiger Service gegründet und steht allen pflegebedürftigen Versicherten (gesetzlich wie privat), ihren Angehörigen und Betreuern zur Verfügung. Hier haben Sie schon vor einer Pflegebedürftigkeit Anspruch auf kostenlose, neutrale und individuelle Beratung rund um das Thema Pflege. Auch ein persönliches Gespräch zu Hause ist möglich und kann innerhalb von 24 Stunden vereinbart werden.

Umfassende Information und Hilfe gibt es unter

Telefon (08 00) 1 01 88 00 (Mo.-Fr. 8-19 Uhr, Sa. 10-16 Uhr; bundesweit gebührenfrei) und unter www.compass-pflegeberatung.de.

Alternativ können Sie sich auch an das Bürgertelefon des Bundesministeriums für Gesundheit wenden: (030) 340 60 66 02 und unter www.bmg.bund.de/themen/pflege.html