Adi Braun und Kurt

Zum diesjährigen 27. Kurt Weill Fest in Dessau-Roßlau in der ersten Märzhälfte  präsentiert die ÖSA als langjähriger Sponsor am 8. März in der Dessauer Marienkirche die kanadische Sängerin und Jazz-Interpretin Adi Braun. Die Künstlerin, Jahrgang 1962, stammt aus Toronto, ihre Kindheit hat sie aber zum großen Teil in Deutschland verbracht. Zum Kurt Weill Fest wird Adi Braun, instrumental begleitet von Klavier und Bass, ihr im Jahr 2017 entstandenes Album „Moderne Frau“ vorstellen. Sie singt Songs von Kurt Weill und zwei weiteren Komponisten seiner Generation, außerdem eigene Kompositionen. Darin geht es immer um das neue Frauenbild in den 1920er Jahren, den „Goldenen Zwanzigern“. Das war auch die Zeit der Bubikopf-Frisuren!

Der Termin passt: Das Konzert findet genau am Internationalen Frauentag statt. Den gibt es seit 1921 jährlich am 8. März.

Die Künstlerin hat der ÖSA in einem Interview einen persönlichen Einblick in ihre Vita und zu ihren Ansichten zum Thema moderne Frau gegeben. Dankeschön dafür, Adi!

(Rest)Karten für das Konzert mit Adi Braun gibt es unter karten@kurt-weill-fest.de.

© Kurt Weill Fest

„In Kurt Weill bin ich schon seit Jahren verliebt“

Frau Braun, Sie sprechen hervorragend Deutsch. Gibt es da Wurzeln?

Ja, die habe ich. Obwohl ich eine gebürtige Kanadierin bin, bin ich in Deutschland aufgewachsen und habe auch dort mein Abitur absolviert. Meine Mutter stammt aus Nürnberg und ist nach Kanada ausgewandert, wo sie meinen Vater kennenlernte.  Mein Vater war Kanadier, hat aber auch etwas deutsche Wurzeln. Beide Eltern waren Opernsänger. Meine Mutter gab ihre Karriere der Kinder wegen auf und mein Vater war lange an deutschen Opernhäusern fest engagiert. Erst 1982 zogen wir nach Toronto um.

Ihr Programm lautet „Die moderne Frau“. Die Lieder, die Sie aus den „Goldenen Zwanziger Jahren“ singen, sind allerdings fast alle von Männern geschrieben. Ist das nicht ein Widerspruch zur modernen Frau?

Meiner Meinung nach nicht!  Diese Männer waren auch selbst  “emanzipiert” und haben Frauen sehr unterstützt, indem sie ihnen Songs schrieben, die von ihrer sozialen Notlage handelten. In den Zwanzigern gab es leider noch nicht viele Frauen, die komponiert oder gedichtet haben. Aber es gab Frauen, die auch hinter der Bühne arbeiteten, zum Beispiel Trude Hesterberg, die nicht nur eine Chansonniere war, sondern auch Managerin ihres eigenen Cabarets.  Bei den Männern denke Ich vor allem an Kurt Weill, Bert Brecht, Friedrich Hollaender, Mischa Spoliansky und Marcellus Schiffer, deren Kenntnis der sozialen Lage in der Weimarer Zeit zu einem tiefen humanen Verständnis führte in Bezug auf “the female condition”. “Nannas Lied” ist ein unglaublicher Song, wenn man sich vorstellt, dass Weill und Brecht damals ein Lied über eine Prostituierte schrieben, die frei über ihr Schicksal spricht und nicht anonym ist, sondern sogar schon im Titel einen Namen trägt. Friedrich Hollaender gab vor allem der großen Blandine Ebinger viele Songs, oft im sehr zynischen Ton, die vom sozialpolitischen Klima in dieser Zeit handelten. Das “modern girl” war natürlich auch zum Teil eine Erfindung aus Amerika, aber eher im Sinne einer sehr modebewussten Frau.

Die Inspiration zu meiner CD „MODERNE FRAU“ waren die furchtlosen und überaus kreativen Sängerinnen der Weimarer Zeit: Blandine Ebinger, Trude Hesterberg, Kate Kühle, Margo Lion und Claire Waldoff, um nur ein paar dieser Künstlerinnen zu nennen, waren ungemein wichtige Sängerinnen, die der Weltlage und “female condition” eine ganz besondere Stimme gaben. Und in meinen eigenen Songs – MODERNE FRAU, JOSEPHINE, GESTERN – versuche ich ein bisschen den einzigartigen Stil der großen Komponisten und Dichter der Weimarer Epoche weiter zu führen und weiter über Personen und Themen zu sprechen, die auch heute noch sehr aktuell sind.

Ihr Konzert zum Kurt Weill Fest findet am 8. März, dem Internationalen Frauentag statt. Was ist für Sie in heutiger Zeit eine moderne Frau?

Eine moderne Frau heute ist eine Frau, die sehr an einem weltweiten sozialen Wohlergehen interessiert ist und an allem, was unsere Zeit bewegt. Sie besitzt viel Mitgefühl und versucht durch ihre Kreativität auch andere anzuregen, mehr Mitgefühl zu entwickeln, um Verbesserungen in der Welt zu Stande zu bringen. Natürlich besitzt sie auch viel Humor, denn oft sind insbesondere sehr ernste Situationen besser zu verstehen, wenn sie mit Humor dargestellt und vermenschlicht werden.

Dann sind Sie ganz sicherlich eine moderne Frau. Aber wie sind Sie auf Kurt Weill gestoßen?

In Kurt Weill bin ich schon seit vielen Jahren verliebt.  Es fing schon an, als ich noch als klassische Sängerin auftrat. Aber irgendwie kam es mir damals vor, als ob ich diese Musik noch nicht völlig authentisch und persönlich darbieten könnte.  Als dann in meinen Dreißigern mein Umschwung auf die Jazz-Musik kam, hatte ich den Mut, meine eigenen musikalischen Ideen zu verwirklichen.

Wir wird das musikalische Erbe von Kurt Weill in Kanada wahrgenommen?  

Canada loves Kurt Weill 😊. Es gibt einige kanadische Künstler und Organisationen, die sehr bemüht sind, Weills Musik weiteren Ausdruck zu geben. “Streetscene” ist eine der beliebtesten Opern, die hier auch öfter an Musikhochschulen aufgeführt wird. Viele seiner und Brechts Songs werden hier von jungen Sängern dargeboten – aber meist nur im klassischen Stil.

Zuletzt möchte ich noch sagen, dass ich Marita Goga und ihrer Berliner Agentur sehr dankbar bin, mich nach Deutschland gebracht zu haben. Ohne ihr Engagement wäre es nicht möglich gewesen, mein Programm MODERNE FRAU einem deutschen Publikum zu zeigen.